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Eisernte auf dem Wiesenbeker Teich anno 1929
Noch im ersten Drittel des vorigen Jahrhundert
musste in den Gaststätten und Hotels speziell Bier mit Eis gekühlt werden weil
es noch keine Kühlgeräte gab. Das Eis lieferte im Winter die Natur bei
ausreichender Kälte gratis. Kosten entstanden nur für Bergung des Eises von den
Teichen und den Abtransport in die Eiskeller der Bierverleger. In diesen
Kellern, mit Meter dicken Wänden gebaut, musste das gewonnene Eis den ganzen
Sommer über die Biervorräte kühlen. Bei Bierlieferungen lieferten die
Bierverleger in der Regel handliche Eisblöcke zum Kühlen mit.
In Bad Lauterberg gab es 1929 noch drei Eiskeller. Der erste lag am ehemaligen
"Geyers Teich", und wurde am Fuß der Ostfriesenklippe als Stollen in den Berg
getrieben. Nur die alte Straße trennte den Teich von dem Eiskeller, von dem man
im Winter, praktisch direkt vor der Tür, bei ausreichender Kälte, Eisblöcke
ernten konnte. In den zwanziger Jahren war der Teich allerdings bereits von
einer Vegetation überwuchert und konnte nicht mehr genutzt werden. Den Keller
betrieb der Bierverleger Oppermann. In den dreißiger Jahren wurde der Teich und
der Stollen bei dem Bau des Schickert-Werkes mit Aushub zugeschüttet. Als Ersatz
baute Oppermann oberhalb des "Hotel Witte", direkt am Mühlengraben, einen neuen
Eiskeller. Nachdem Opel-Blume das Gelände erworben hatte, wurde dieser Keller
abgerissen.
Der nächste Eiskeller lag auf dem Grundstück des damaligen Landwirts und Fuhrunternehmer Höche in der oberen Hauptstraße, wie er damals hieß. Zu der Zeit nutzte der Bierverleger Blumenthal den Keller. Das Gebäude existiert heute noch, wird aber nach einem Brand nicht mehr genutzt.
Den größten Keller hatte der Bierverleger Geyer in der Ahnstraße. Dieser wurde, nachdem das Sanatorium Feldmann-Gräfe das Geyersche Grundstück erworben hatte, abgerissen.
Die Füllung der Eiskeller war damals kein Problem, gab es doch immer strenge Winter. Der Wiesenbeker Teich, der zur Eisernte genutzt wurde, hatte oft eine bis zu 30 Zentimeter dicke Eisdecke. Das "Eisen", wie es im Volksmund genannt wurde, war für die Lauterberger Fuhrleute, die im Winter nur beschränkt Holz aus den Wäldern abfahren konnten und einige Arbeitslose eine vorübergehende Beschäftigung, obwohl die Arbeit nicht fürstlich entlohnt wurde.
Die Bierverleger ernteten das Eis gemeinsam oder auch jeder einzeln. Als "Eisvogt", der die Aufsicht über die Eissägekolonne hatte, wählten sie sich einen Mann ihres Vertrauens aus, der meistens über mehrere Jahre das Amt innehatte. Dieser stellte sich dann die Arbeitskolonne selbst zusammen.
Zur Ernte des Eises wurde als erstes aus Balken eine Rutsche bis in das Wasser gebaut, auf dem die ausgesägten Tafeln von einem Pferd mittels einer großen Zange, die von dem Zug des Pferdes in das Eis griff, bis auf den Damm hoch gezogen. Dort wurden sie mit Äxten in handliche Blöcke geteilt und auf die Fuhrwerke verladen. Zum Aussägen der Tafeln wurde ein großes Gattersägeblatt verwendet, an dem ein schweres Gewicht angebracht war, deshalb musste die Säge von zwei Leuten bedient werden.
In der Regel lag Schnee, so dass man die Eisblöcke mit Pferdeschlitten abfahren konnte. Sehr selten war Spiegeleis auf dem Teich (siehe Bild) d.h. es lag kein Schnee, so dass man die Eisblöcke mit dem Pferdewagen abtransportieren konnte.
Manchmal mussten die Fuhrleute sich erst einen Weg durch den Schnee bis zum Teich mit einem Schneepflug frei machen. Es herrschte ein reger Pendelverkehr mit mehreren Fuhrwerken auf der ca. 3 km langen Strecke bis zu den Eiskellern. Bei der oft strengen Kälte hatten die Pferde von ihrem gefrorenen warmen Atem Eiszapfen an der Mähne hängen. Mit umgehängten Wolldecken schütze man ihren Leib vor der Kälte.
Die Fuhrleute und die Eissäger wärmten sich ab und zu mit etwas hochprozentigem den die Auftraggeber spendierten. Im "Hotel Wiesenbeker Teich" konnte man nicht einkehren, es war den Winter über geschlossen, nur die Eisabfuhr und die Schlittschuhläufer belebten die Szene.
Mit der Installation von Kühlgeräten in Gaststätten etc. endete schließlich die Eisernte auf dem Wiesenbeker Teich.
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Verfasst Januar 2002 von Walter Füllgrabe - Erstveröffentlichung ? in "Rund um den Hausberg" |